Ostern in Stolzenburg

Ostern war – wie für alle Christen – ein wichtiges Fest in Stolzenburg.
Der Winter war vorbei und die Fastenzeit auch, Mensch und Natur begrüßten den Frühling mit den frischen und bunten Farben ihrer Festtracht. Gelegenheit diese zu präsentieren war der Ostergottesdienst, dessen Höhepunkt – nach Verkündigung der Auferstehungsbotschaft – das sogenannte „Osterbegleit“ war, ein Überbleibsel der vorreformatorischen Osternachtprozessionen und zu unserer Zeit eher ein „Sehen und gesehen werden“:
Nach dem Gottesdienst wurde nämlich die Pfarrersfamilie von den Gemeindemitgliedern in einer Art Prozessionszug auf den Pfarrhof „nach Hause begleitet“, während das Lied Nr. 106 des evang. Gesangbuches gesungen wurde: „Wir glauben all an einen Gott…“ mit musikalischer Unterstützung durch die Blasmusik, die zuvor im Festgottesdienst auch das Orgelspiel musikalisch begleitet hatte. Andere Leute sind der Meinung, dass es der Choral Nr. 116 war: „Mensch, willst du leben seliglich…“
Ein unvergessliches Bild boten dann die Jugendlichen, aufgestellt in einem großen Halbkreis im weiten Rund des Pfarrhofes. Denn niemand war zu Hause geblieben, niemand hätte es sich nehmen lassen, hier dabei zu sein. Nachdem der Kurator dem Pfarrer und der Gemeinde gesegnete Feiertage entboten, der Pfarrer gedankt und seinerseits „gewünscht“ hatte, zog die Gemeinde unter Marschmusik wieder ab. Auf der Straße blieben Fremde und sogar vorbeifahrende Autos stehen und bestaunten, ja fotographierten die ungeheure Menschenansammlung um Kirche und Pfarrhof.
Am Nachmittag fand der Vespergottesdienst statt und anschließend lud die Frau des Pfarrers das Presbyterium zu selbstgebackenem Kuchen ein, während der Pfarrer den besten Selbstgebrannten hervorholte, der in korbumflochtenen Glasflaschen hinter dem Biedermeier-Sofa im Salon lagerte, und in zehn Stamperl goss für neun Presbyter und eine Presbyterin.
Denn schon damals waren Frauen im Kirchenvorstand vertreten, wenn auch nur mit einem Anteil von 10 %. Damals zählte nicht Quantität sondern Qualität.
Auch am 2. Ostertag fand ein Gottesdienst statt, der aber nicht so gut besucht war wie am Tag zuvor, da Ostern in Rumänien bis ca. 1990 kein offizieller Feiertag war.

Ostern in Stolzenburg 1958

Foto: Ostern 1958.  „Osterbegleit“ im Pfarrhof.

Osternacht

von Karl Gerok, 1867 | Stolzenburger Chor 1990

Osternacht

v. Karl Gerok, 1867

Dieses Lied wurde 1990 vom Stolzenburger Chor im Ostergottesdienst gesungen:

Osternacht, Osternacht,
Hast der Welt das Licht gebracht!
Da aus blut’gen Grabgewanden
In der Früh der Herr erstanden
Glühst du auf in Morgenpracht,
Osternacht! Osternacht!

Ostertag, Ostertag,
Wecke, was im Grabe lag!
Blumen sprossen, Quellen springen,
Kinder jubeln, Engel singen;
Jauchze, was noch jauchzen mag:
Ostertag! Ostertag!

Osterlicht, Osterlicht,
Das durch trübe Wolken bricht!
Silberschäfchen ziehn im Blauen,
Sonnenschein beglänzt die Auen;
Leucht auch mir ius Angesicht,
Osterlicht! Osterlicht!

 

Ostergrün, Ostergrün,
Bricht aus tausend Ritzen kühn!
Schnee zerschmilzt in allen Ecken,
Goldnes Grün umsäumt die Hecken;
Hoffnung laß auf Gräbern blühn,
Ostergrün! Ostergrün!

Osterluft, Osterluft,
Leis gewürzt mit Veilchenduft!
Weckst mit deinem süßen Weben
Greise wieder neu ins Leben,
Zauberst Blumen aus der Gruft,
Osterluft! Osterluft!

Osterklang, Osterklang,
Glockenton und Lerchensang!
Schwinge deine Silberflügel
Festlich über Tal und Hügel;
Tröstend geh die Welt entlang,
Osterklang! Osterklang!

Osterheld, Osterheld,
Siegreich kommst du aus dem Feld;
Jauchzend klingt’s in allen Landen:
Christ, der Herr, ist auferstanden;
Segnend wandle durch die Welt,
Osterheld! Osterheld!

Heute back ich, morgen brau‘ ich

– Rund ums Osterfest –

Am Palmsonntag feiern nicht nur wir Siebenbürger Sachsen die Konfirmation. Die damit verbundenen Stolzenburger Bräuche sind hinlänglich bekannt und beschrieben worden. Nur einen Aspekt möchte ich hier erwähnen: Die Konfirmandinnen tragen an ihrer Festtracht an diesem Tag einmalig ein Accessoire, das sie in dieser Form nie mehr tragen werden: Das Tschurreltchen. Es handelt sich um einen dünnen, durchsichtigen weißen Schleier, der über den Borten, also den schwarzen oben offenen Samthut, drapiert wird. Das Wort kommt vom rumänischen „ciur“, was so viel wie Sieb bedeutet. Eine andere siebenbürgisch-sächsische Ableitung davon ist: „et tschurrelt“ = es rinnt, langsam, wie durch ein Sieb.

Nach Palmsonntag folgt bekanntlich die Karwoche. Am Montag wurde Hanklich gebacken und am Dienstag Osterhasen aus Honigteig. Dabei bleiben zwischen den ausgestochenen Formen seltsame Gebilde im Teig zurück, in Stolzenburg „Krimantusker“ genannt, die auch mitgebacken werden können und dem „Gekaindzel“, also der Kinderschar, genauso gut schmecken wie die Keks selbst.

Während am Mittwoch das Haus geputzt werden musste, sammelte ich am Gründonnerstag Kerbel im Garten, denn bei uns gab und gibt es an diesem Tag nicht Spinat, sondern traditionell Kerbel-Suppe.

Da sich an den Karfreitagsgottesdienst das Abendmahl anschloss, hat man sich vorher zuhause in der Familie die Hand gereicht und gegenseitig „åm Verzauhung“ gebeten bzw. mit „vun Haurze gårn“ geantwortet. Denn ohne um Verzeihung zu bitten oder wenn man mit jemandem zerstritten ist, kann man nicht zum Abendmahl gehen. Zu Mittag gab es nach guter alter Gewohnheit „geriebene“ Bohnen (Weißebohnenpüree) mit Geriestzel (Röstzwiebeln) und Kåmpest (Sauerkraut). 100 % vegan also. Bei einigen Leuten war der ganze Karfreitag „fastig“, also vegan, bei anderen nur bis zum Sonnenuntergang. Danach konnte man sich wieder dem Baufloisch (Speck) hingeben.

Ein halbes Dutzend Eier „giëlwen“ wir jedes Jahr mit roten Zwiebelschalen. Dass ich dafür jedes Mal eine Strumpfhose „opfern“ muss, erzählte ich einem Stolzenburger Bekannten und er entgegnete: Du meinst wohl eine „Strampel“? Schon wieder so ein total vergessenes Wort! Außer Zwiebelschalen und einer „Strampel“ braucht man für die Dekoration Schierling. Leider fand ich keinen im Garten. Es war zu früh im Jahr, die Vegetation war am Nordhang noch nicht so weit. Auch in Stolzenburg wohnten wir übrigens an einem Nordhang, am Fuße der altehrwürdigen Bauernburg. Während bei uns im Garten noch Schnee lag, guckten bei der „tatterigen“ (emsigen) Nachbarin auf der „Sonnseite“ bereits Zalaut uch Murren (Salat und Möhren) aus der fruchtbaren, lockeren, schwarzen Erde. Und unter dem Apfelbaum hatte sie Umpert. Da bin ich als Kind oft gesessen und hab wie ein Häschen am Sauerampfer geknabbert…

Das Zwiebelschalenfärben hat auch mit Kerbelblättchen ganz gut geklappt. Die übrigen 20 Eier wurden mit herkömmlichen Farben „gegiëlwt“. Und jedes Mal hebe ich diese in fünf Borcanern (Einmachgläsern) noch ein-zwei Tage auf, für den Fall, dass eine Nachbarin kommt und fragt, ob sie sich mein Rot oder mein Grün ausleihen kann. Wie früher halt, daheim. Aber es kommt hier keine um nach meinen Eierfarben zu fragen.

Die „Semmelfülle“ (Farce aus Speck, Semmeln und Wurzelgemüse) für den Lammbraten am Ostersonntag hab ich auch schon am Karfreitag zubereitet. Ohne diese darf ich mich vor meinen Kindern gar nicht blicken lassen, sogar die Kleinste rief diesmal verzweifelt: „Oma, wo ist die Fülle?!“

Während ich in der Küche beschäftigt war, kamen immer wieder Nachrichten auf dem Handy: „Schönen Karfreitag!“ u. Ä. mit reichlich osterbunten Bildchen. Nun, gut gemeint, aber man sollte nicht unbedacht und kritiklos solche vorgefertigten „Wünsche“ übernehmen und weiterleiten, denn der Karfreitag ist ein trauriger Tag, an dem unser Heiland ans Kreuz geschlagen wurde. Daran kann nichts schön sein. Meine Meinung. Dabei erinnere ich mich, dass ich vor Jahren in der Arbeit einem Kooperationspartner in Israel – ich hatte es auch gut gemeint – an Jom Kippur per email „Happy Holiday“ gewünscht hatte. Er war offen genug, mich aufzuklären: Jom Kippur ist ein sehr trauriger Tag für Israel, also kein „Happy Holiday“ bitte! Ich war darüber nicht verärgert, ganz im Gegenteil, ich war dankbar für die Aufklärung und Belehrung: Wieder was gelernt. Man lernt ja bekanntlich nie aus. Ich hoffe, dass auch mir niemand böse ist wegen meiner Offenheit.

Dem Karsamstag war die Zubereitung der Hühner-Rindssuppe mit Fadennudeln vorbehalten, in Stolzenburg lapidar Schluppesupp genannt. Bei dieser muss/darf man „zurpen“ = schlürfen, wegen der langen, hausgemachten Nudeln. Gleich am Morgen erhielt ich das traurige Video mit den Jugendlichen, wie sie mutwillig die Grabsteine auf unserem Friedhof in Stolzenburg umstoßen. Der Friedhof ist der Ort, wo unsere Vorfahren auf den Tag der Auferstehung warten. Ob diese dummen Jungen das inzwischen wissen?

Dann kam der Freudentag: Ostern! Die Kinder waren alle da. Keiner krank, keiner fehlte. Das Haus endlich mal „ausgebucht“, Vollbelegung. Und auf meinem Mobiltelefon kam ein Video an mit dem Stolzenburger Kirchenchor von April 1990, als schon viele unserer Landsleute auf gepackten Koffern saßen. Der Chor singt das alte Lied „Osternacht, Osternacht“ des deutschen Theologen Karl von Gerok aus dem 19. Jahrhundert. Mit diesem (mehrfach weitergeleiteten) Video hat man mir eine sehr große Freude bereitet. Danke, von wem auch immer es stammt! Es ersetzte mir den geschwänzten Gottesdienst und – das Oisterbegloit (alte Stolzenburger Ostertradition, ausführlich sowohl in unserem Heimat- als auch im Trachtenbuch beschrieben). Ich summe heute noch, Wochen nach Ostern, das Auferstehungslied und sitze dann im Geiste in unserer „haurzen Kirch“, am liebsten oben neben der Orgel. –

Am Ostermontag brachte ich meinen Enkeltöchtern das Eiertschocken (Eiertitschen/Eierpecken) bei, was laut Internet angeblich ein bayerischer Brauch ist, der sich dann weiter Richtung Osten ausgebreitet haben soll. Wessen Ei geht zu Bruch? Welches bleibt heil? Das hat den Kindern gefallen. Weniger gefallen hat ihnen, dass ich ihre süßen Köpfchen leicht, nur andeutungsweise, mit teurem „Perfin“ besprühte, was gemäß siebenbürgischem Osterbrauch eigentlich Aufgabe der Jungen und Männer ist. Dazu sagte ich das Gedichtchen auf: Ich hun gehoirt, Ihr hut e Roisken, ich bän kun, et ze besprätzen, damät et net verdrecht!“ „Oma, was sprichst du da?!“

Wenn ich aber ganz, ganz tief in meiner Erinnerung grabe, fördere auch ich ein leichtes Gefühl des Widerwillens, der Scham und des Ausgeliefertseins zu Tage bei dem Gedanken an die in kleinen oder größeren Gruppen im Minutentakt an die Haustür klopfenden Jungen im Alter von 5 bis 13, die mir am Ostermorgen ihr billiges Parfüm auf Haar, Kleidchen oder (versehentlich) auch in die Augen gossen… Nun, nicht alle Erinnerungen sind schön – und sie werden auch nach sechs Jahrzehnten nicht schöner. –

Astrid Thal geb. Schneider

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