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Was gibt es Neues aus Stolzenburg und von den Stolzenburgern?
 
Hier veröffentlichen wir gerne auch Ihren Beitrag rund um Stolzenburg und seine “Gestalten”.
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Dezember 2020
 
Et wor emol...

Wie ich als Siebenjährige die Advent- und Weihnachtszeit im Stolzenburger Pfarrhaus erlebte

      Das Pfarrhaus hat keine Öffnungszeiten. Es steht den Menschen sozusagen rund um die Uhr offen. Ob der Pfarrer mit seiner Familie gerade beim Essen ist oder die Kinder just gebadet werden: Es ist meistens ein Kommen und Gehen. Der eine möchte seinen Sohn vom Konfirmandenunterricht wegen dringender Hilfe auf dem Feld befreien lassen, der andere bittet um das Letzte Abendmahl für ein Familienmitglied, der dritte hat eine Frage wegen Reparaturarbeiten auf dem Kirchhof. Um jedoch ins
Amtszimmer des Pfarrers zu gelangen, muss man erst die große Wohnküche passieren. Privatsphäre gibt es hier demnach nicht und ein Telefon zum Anmelden auch nicht. Pfarrer sein ist ja schließlich auch keine Privatangelegenheit!

Während der Advents- und Weihnachtszeit jedoch geht es manchmal zu wie im Taubenschlag. Das Kind, das hier seit der Geburt sein Zuhause hat zusammen mit seinen Eltern, den beiden großen Brüdern und der Großmutter, ist ungefähr sieben Jahre alt und der Advent ist daher nicht nur eine geheimnisvolle Zeit, in der plötzlich die Lieblingspuppe auf seltsame Weise verschwindet, weil sie vom Christkind neue Kleider erhalten soll, sondern auch eine spannende mit vielen unterschiedlichen Menschen, die das Pfarrhaus in irgendeiner Angelegenheit aufsuchen. Jeden Tag ereignet sich etwas und das Kind findet das Leben herrlich.

Am Vorabend des 1. Advent zum Beispiel treffen sich vier
Gruißmaid (konfirmierte Mädchen), die auch ein Ehrenamt in der Schwesternschaft inne haben, in der geräumigen Wohnküche (42 m2!) des Pfarrhauses. Sie setzen sich um den Tisch herum und binden dort zwei  Adventskränze: Einen riesengroßen für as haurz Kirch (die teure Kirche) und einen etwas kleineren für die Frau des Pfarrers, fortan einfach Frau Pfarrerin genannt, den diese über dem Lampenschirm in ihrem Wohnzimmer an roten Schleifen aufhängt, die bis zur Decke reichen. Tannen- und Harzduft im ganzen Raum, dazu spannende Gespräche der Gruißmaid und das Kind lauscht und spitzt die Ohren!

Am 1. Adventsonntag geht der Trubel gleich weiter: Nach dem Kindergottesdienst holen die Kinder ihre Texte für das Krippenspiel und die Gedichte im Pfarrhaus ab, denn alle wollen unbedingt Teil der Weihnachtsgeschichte sein und darin eine Rolle spielen! So sitzen auch sie am großen sauberen Küchentisch und schreiben ihre Texte von der Vorlage hastig ab, denn die nächsten Kinder warten schon.

Ein paar Tage vor dem Fest wird – wie überall in der Gemeinde - das ganze Haus von oben bis unten geputzt, Gardinen und Teppiche gewaschen, der Fußboden in allen fünf Räumen blank gescheuert, dass es nur so nach Lauge, Seife und Sauberkeit duftet.
Vorher aber steht noch der Schlachttag an, das Schwein wird
abgetan. Nun ist wieder die große Küche Mittelpunkt des Geschehens: Vater, Mutter, Großmutter, der zuverlässige Schlachtermeister und eine geschickte Helferin verarbeiten an einem einzigen Tag die 140 Kilo der Fanny. Das Kind weiß noch nicht, dass man Tieren, die man später essen will, keine Namen geben sollte.

Am 24. Dezember zieht dann ein Brot- und Hanklichduft durch die Straßen des Dorfes, denn ohne diese Herrlichkeiten möchte kein Haus das Fest begehen.
Der Weihnachtsbaum im Pfarrhaus ist in diesem Jahr so schütter, dass der Härr Fårr ein paar Ästchen unten am Stamm abschneiden und weiter oben einsetzen muss. Dafür überzeugt die Tanne (oder war es streng botanisch gesehen eine Fichte? Oh Fichtenbaum, oh Fichtenbaum!) in der Kirche und lässt, wie es landläufig so heißt, nicht nur Kinderherzen höher schlagen.
 
Die Zeit – und der Verlust – vergolden unsere Erinnerungen und das ist auch gut so. -

Etwas Wichtiges hätte ich fast vergessen zu erwähnen: Ungefähr eine Woche oder zehn Tage vor Weihnachten gehen die Presbyterinnen, das sind die Ehefrauen der Presbyter (Kirchenvorstand), von Haus zu Haus und sammeln Eier, Fett, Zucker und Mehl, wahlweise auch Geld ein.

Anzumerken ist an dieser Stelle, dass neben den neun oder zehn Männern immer auch eine Frau in den Kirchenvorstand gewählt wurde. Die Frauenquote(!) war zwar gering aber trotzdem beachtlich für die Zeit, also die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Und sicherlich hat diese Frau mit pragmatischem Verstand und weiblichem Gespür bei hitzigen Debatten Kompromisse gefunden oder gar das Zünglein an der Waage sein dürfen/müssen, wenn bei wichtigen Entscheidungen abgestimmt wurde. –

Sobald alle Zutaten für das bevorstehende Vorhaben beisammen sind, treffen sich die oben erwähnten Frauen frühmorgens, jede noch von einer tüchtigen Helferin (Tochter, Schwiegertochter oder Freundin) begleitet, zum Keksbacken in der Küche des Pfarrhauses.
Das ist wieder mal ein aufregendes Ereignis für das Kind: die Möbel alle um- oder weggeräumt, die Küche voller Tische, an denen Frauen mit strahlend weißen und gestärkten Schürzen beim Rühren, Kneten des Teiges und Keksausstechen sind! Gebacken werden viele Dutzend Backbleche natürlich nicht im kleinen Küchenofen sondern im alten großen Brotbackofen im Hof. So geht es über den Flur, die Treppen runter zur Backstube. Wenn dann mehrere Tausend Kekse fertig sind, sitzen die Frauen bis spät am Abend in der Pfarrhausküche im großen Kreis um den Tisch herum und reihen jeweils ca. 20-25 Kekse auf eine Schnur, die dann zu einem Kränzchen zusammengebunden wird. So entstehen sicherlich mehrere Hundert Keks-Kränzchen, denn jedes Kind im Dorf soll eines bekommen.
Aber noch ist es nicht so weit.

Das Kind, das im Pfarrhaus daheim ist, übt sein Gedichtchen für Weihnachten und singt an den vier Sonntagen mit seiner Familie unter dem erleuchteten Adventskranz „
Macht hoch die Tür“ und „Es kommt ein Schiff geladen“ mit, während die Mutter am Klavier begleitet. Jedoch beim Christbaumschmücken am 24. darf es nicht dabei sein, nur die beiden Brüder. Dafür soll das Kind dem Christkind helfen, indem es, allein am Küchentisch sitzend, die Kerzen in die Kerzenhalter steckt und vorher noch das Stearin vom Vorjahr herauskratzt. Wenn es sich auf die Zehenspitzen stellt, kann es gerade mal die Tannenspitze durch das Oberlicht in der Wohnzimmertüre sehen. Der große Bruder ist gnädig (oder erlaubt sich einfach nur einen Scherz, den die Mutter sofort rügt), und lässt einmal „versehentlich“ die Türe weit offen und das Kind erhascht so einen kurzen Blick vom Baum.

An Heiligabend, wenn es dunkel wird, sozusagen
äm Zäschemmern (in der Abenddämmerung), kommen die Presbyterfrauen wieder, um die Geschenke für die Weihnachtsbescherung, verstaut in geflochtenen Wäschekörben, im Pfarrhaus abzuholen. Dabei haben sie nicht vergessen, der Fra Fårrerän ‚gläcklich uch geseigent Faiertauch‘ zu wünschen und eine frischgebackene Hanklich mitzubringen. Es ist erneut die geräumige Wohnküche, wo sie in weitem Kreis für ein paar Minuten wartend um den Tisch herum sitzen. Auf diesem prangt das festliche, von der Frau Pfarrerin eigenhändig gestickte Tischtuch mit den riesigen blauen Sigerus-Sternen. Die Frauen erörtern mit gedämpfter Stimme das Tagesgeschehen, das Wetter, Vergangenes und Zukünftiges. Das Kind bestaunt mit großen Augen die festlich gekleideten Frauen und hört aufmerksam zu. Sobald die Glocken von der Burg herab erklingen, kommt der Pfarrer aus seiner Amtsstube, im Ornat, und mit Bibel und Gesangbuch gerüstet. Alle, Pfarrersfamilie und Presbyterinnen, jeweils zu zweit die Geschenkkörbe tragend, gehen hinaus in die Winternacht, durch den hohen, knirschenden Schnee zur nahegelegenen Kirche. Diese ist so voll, dass außer dem hohen Gestühl kein Platz mehr frei ist. Das Kind muss bei der Mutter auf dem Schoß sitzen, wagt sich aber später vor in das Chor, um das Weihnachtsgeschehen besser verfolgen zu können. Oben auf der Empore, Gleiter genannt, erblickt es seine Brüder unter der übrigen Jugend, seine Aufmerksamkeit gilt aber den Farbtupfern dort oben, das sind die bunten Tücher der Bräute, die ‚mät dem Deauch åm’t Miël‘ mit langen Stecken den riesigen Christbaum entzünden dürfen. Die Frau Pfarrerin wirft einen sorgenvollen Blick auf die jahrhundertealten Emporen. Sie sind vollbesetzt und drohen, unter der Last der Menschen zusammenzubrechen. Schließlich macht so ein Holzwurm auch vor einem Gotteshaus und der Heiligen Nacht nicht halt! Doch Wunder geschehen, jedes Jahr auf’s Neue und die Angst der Pfarrersfrau ist Gottlob auch in diesem Jahr umsonst gewesen.

Nachdem die frohe Botschaft von der Kanzel
das viele Volk erreicht hat, Michael Alberts ‚Wenn tief im Tal erloschen sind…‘ und viele andere Gedichte aufgesagt worden sind, die Heilige Familie, die Hirten und der Engel Chor ihr Bestes gegeben haben und der Weihnachtssegen gesprochen ist, braust die gute alte Orgel über alle Köpfe hinweg ihr ‚O du fröhliche‘. Danach gehen die Kinder im Gänsemarsch um den Altar herum und empfangen ihre Geschenke: Das Keks-Kränzchen und ein Stofftaschentuch, die Schulkinder erhalten noch zusätzlich einen Bleistift. Wenn die Presbyterinnen ein Kind nicht gleich erkennen oder zuordnen können, fragen sie: „Wem bäst te?“ oder: “Wie heißt man dich?“ und wenn das geklärt ist, kann das Bescheren weitergehen.

Zuhause angekommen steigt die Spannung, man übt noch schnell sein Gedicht und dann läutet eeendlich das Glöckchen, das Kind darf eintreten, die Wohnstube duftet nach Tanne und Kerzen, die Lichter am Baum verdoppeln sich im großen gold-umrahmten Spiegel. Die Großmutter, deren ältester Sohn seit Weihnachten 1944 im schönen Elsaß
in fremder Erde liegt, versucht sich an das Lied zu halten, in dem es heißt: „...still schweigen Kummer und Harm...“. Es scheint ihr auch für ein paar Momente zu gelingen im Anblick der freudigen Kinderaugen. Die lange vermisste Puppe sitzt im neuen Kleidchen unter dem Weihnachtsbaum und das Kind darf sie umarmen und muss sie nie mehr losgelassen.

Am 1. Weihnachtstag wird das Kind sehr früh durch Blasmusik vom Hof geweckt. Die Adjuvanten sind von der Burg durch den hohen Schnee des Burgbergs herunter gelaufen und machen auf dem Pfarrhof Halt um der Familie ein Ständchen zu entbieten. Der Pfarrer ist schon lange wach, da er noch an seiner Predigt feilen muss und er kommt auch gleich mit einer Schnapsflasche und ein paar Stamperl zu den Bläsern in den verschneiten Hof, denn dieses Ereignis findet ausnahmsweise nicht in der Küche statt! Es wird angestoßen und einer der Musikanten fragt enttäuscht:
„Härr Fårr, hut Ihr net uch des Geelen???“ Nein, dieses Jahr haben die Hühner nicht so fleißig gelegt, dass die Fra Fårrerän auch Eierlikör hätte zubereiten können!!!

Am Vormittag: Festgottesdienst mit Orgel- und Blaskapellenbegleitung, danach richtiges Festtagsessen am großen Tisch in der Küche und schon geht es wieder in die Kirche, zum Nachmittagsgottesdienst, der sogenannten Vesper. Die Presbyter und die Presbyterin sind gleich anschließend zu Kleingebäck und Wein im Pfarrhaus eingeladen. Welcher Raum würde sich denn besser anbieten als die große Wohnküche der Frau Pfarrerin? Zumal das breite Sofa bestmöglichen Ablageplatz für die riesigen zehn Pelzmäntel der Presbyter bietet: Ein hoher, weicher Berg, in dem man sich gut verstecken könnte, denkt das Kind.

Wer glaubt, nach den Christtagen kehre Ruhe ins Pfarrhaus ein, der weiß nicht, dass gleich im Neuen Jahr der evangelische Wand- und Namenstagskalender verteilt werden muss. Der Pfarrer hat bereits zwischen den Jahren 300 Exemplare davon in der Kirchenverwaltung in Hermannstadt abgeholt. Also wird sich aus jedem Haus der Gemeinde einer oder eine schleunigst auf den Weg machen, um das begehrte Stück im Pfarrhaus – praktischerweise ebenfalls gleich in der Küche – abzuholen.
Das Kind freut sich jedes Mal, wenn jemand an die Tür klopft, es rollt einen Kalender zusammen und übergibt ihn den Eintretenden.

Ich waintschen ållen gläcklich Faiertauch uch an gesangd nau Gîăhr!

Astrid Karin Thal, im Dezember 2020
 
 
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25. November
 
 Kathreinentag - Mer gîăhn än‘t Thiater!

Zur Zeit der Eintage, d. h. wenn die Tage kürzer werden, die Feldarbeit beendet und auch das Erntedankfest mit dem geschmückten Altar, den schönsten Früchten des Feldes und den riesigen Ähren- und Asternkränzen vorbei war, wurde der Spinnrocken rausgeholt und die Erwachsenen gingen abends in die Roockestuww oder  zur Chor-, Tanz- oder Theaterprobe. Am 25. November wurde nämlich im Saal nicht nur zum Kathreinenball geladen, sondern auch meistens ein Volksstück dargeboten.

So war es jedenfalls bis vor 40-50 Jahren.

Zu der Zeit waren die Lehrer zusätzlich zum Schulunterricht auch zu „Kulturarbeit“ mit den Erwachsenen verpflichtet. Meine Mutter war mit ihren Kolleginnen für das Einstudieren eines Theaterstückes verantwortlich und hat, trotz vieler Verpflichtungen und eines vollen Arbeitstages, diese zusätzliche Aufgabe mit allabendlichen Proben sehr gerne übernommen, da es mit den talentierten Laienspielern der Gemeinde immer lustig zuging und viel gelacht wurde. Es war für sie alle eine Möglichkeit, zu entspannen und die Alltagssorgen für kurze Zeit hinter sich zu lassen.
Höhepunkt und ein Muss für jedermann war dann die Premiere am Abend des Kathreinenballs. Die Generalprobe fand am selben Nachmittag statt, da durften dann auch die Kinder dabei sein. Auf jeden Fall musste alles vor dem 1. Adventsonntag buchstäblich über die Bühne gehen, da ja bekannterweise auch die Adventszeit Passionszeit war (und ist!) und danach bis Weihnachten nicht getanzt oder gar ausgelassen gefeiert werden durfte.

Eine weitere Theateraufführung „mit Ball“ fand meistens noch anlässlich des Mariatages am 2. Februar oder alternativ auch an Ostern statt.

Einige der Mundartstücke waren so erfolgreich, dass die Stolzenburger Theatergruppe auch in den Nachbardörfern auftrat,  „Der Dani Misch wird härresch“ schaffte es sogar bis nach Heltau!!!

Bei einer solchen Gastvorstellung in der Nachbargemeinde Großscheuern war meine Mutter vor der Aufführung mit Helfern dabei, das Bühnenbild zu gestalten, also eine Bauernstube einzurichten. Kommoden, Stühle, Gardinen und Wandbilder wurden herangeschleppt und an ihren Platz gestellt bzw. gehängt. Eine Großscheurner Helferin fragte gleich zu Beginn meine Mutter: „Fra Loihrerän, breochen Se net uch en Deesch?“ Meine Mutter dachte, die Frau meint „Dej“ (gleiche Aussprache wie Deesch). Das war nämlich der Name des rumänischen Präsidenten Gheorghe-Gheorghiu Dej, dessen großformatiges Porträt zu der Zeit in jeder Amtsstube und in jedem Klassenzimmer hängen musste. Meine Mutter verneinte. Nach einiger Zeit fragte die gute Frau wieder, ob nicht auch ein „Deesch“ benötigt werde, aber meine Mutter antwortete lachend, so als ob sie sagen wollte, dass Politik und Ideologie auf ihrer Bühne keinen Platz hätten: „Nä, nä, den Dej broche mer det mol net!“

Als dann die Stube fast komplett eingerichtet war, atmete meine Mutter erleichtert auf und sagte schließlich zu den Helfern: „Esi, und na broche mer nor noch en Däsch!“, worauf die Frau verzweifelt rief: „Dåt hun ich Se jo de geonz Zetch gefrächt!!!“

Ich wünsche allen Katharinen, Trengis und Kathis einen wunderschönen Namenstag! Und da erst vor ein paar Tagen auch die Elisabeth ihren Ehrentag hatte, gratuliere ich auch allen, die Lisi, Lis oder Lisken heißen! Bleibt gesund!  (Astrid Karin Thal, geb. Schneider, im November 2020)
 
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'Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind...                                                                        Im  Juli 2020

- Kindergottesdienst in Stolzenburg -

Ja, manchmal waren es wirklich nur zwei: der Pfarrer, also mein Vater, und ich! An sommerlich-heißen Sonntagnachmittagen versuchte man meist, wenn sich die Gelegenheit bot, zu den Badeseen nach Salzburg zu gelangen. War das nicht möglich, suchten sich die Erwachsenen ein schattiges Plätzchen im Garten oder im kühlen, dicken Gemäuer des Hauses für ein Mittagsschläfchen und die Kinder waren froh, sich selbst überlassen zu sein.  Ich aber musste erst mal zum Kindergottesdienst. Manchmal waren noch zwei, drei andere Kinder dabei - ich erinnere mich z. B. an drei Schwestern aus dem Transchement, etwas jünger als ich - aber nicht selten war ich das einzige Kind im Unterricht.

Im Sommer fand der Kindergottesdienst nicht in der Sakristei sondern in der Vorhalle des Südportals statt, mit der alten Kirchentüre als Kulisse, auf der heute noch die Lutherworte 'Ein' feste Burg ist unser Gott...' zu lesen sind.

Da saßen wir uns nun gegenüber, mein Vater und ich: wir beteten, sangen einen Choral oder zwei und dann musste ich aus der Bibel vorlesen. Hier habe ich das erste Mal die Namen der biblischen Orte Kapernaum, Galiläa, Genezareth, Gethsemane,  Mesopotamien, Kapadokien, Phrygien, etc. gehört, sie kamen mir vor wie aus Tausendundeinernacht.
45 Jahre später sollte ich auf einer Rundreise durch Israel einige dieser Orte mit eigenen Augen sehen dürfen. Wie sehr hätte ich es auch meinen lieben Eltern gegönnt, die historischen Stätten der Bibel selber zu besuchen, aber es hat nicht sollen sein. -

Der Sommer wehte einen unbeschreiblichen Duft nach Heu und Blüten in die Vorhalle (waren es die Akazien oder der Holunder?) und die hohen Bäume im Kirchhof spendeten großzügig Schatten an diesen heißen und friedlichen Sonntagnachmittagen. Schnell noch das Vaterunser heruntergebetet und weg war ich, auf der Suche nach den Freundinnen.

Ganz anders sah das im Spätherbst und Winter aus: wenn es auf Weihnachten zuging, vor allem am 1. Adventsonntag drängten sich fast alle Kinder der Gemeinde in den Gottesdienst, denn jedes wollte zumindest ein Gedicht vortragen, die schüchternen fanden einen Platz im Kinderchor und die Konfirmanden durften ein Krippenspiel aufführen. Jetzt war richtig Leben in der Bude, sprich in der Sakristei und der Kirche!

Heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später: was gäbe ich dafür, noch EINMAL an einem heißen Sommertag in der kühlen Vorhalle unserer Kirche meinem Vater gegenüber zu sitzen, in den schattigen grünen Kirchhof zu blicken und von Kapernaum und Kapadokien zu träumen. - -

Astrid Karin Thal, geb. Schneider im Jahre 2020

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Zu früh geläutet!

Wie die meisten Stolzenburger meiner Generation oder noch älter wissen, begann der Sonntagsgottesdienst im Sommer um 10 und im Winter um 11 Uhr. So circa. Denn ganz exakt auf die Minute war es nicht immer möglich.

Zunächst zum „in die Kirche läuten“, das aus einer Zeit stammt, als die Menschen noch keine Uhren hatten und das Läuten auch an Werktagen die Zeit angab, nämlich das Morgen-, Mittags- und Abendläuten, also die sogenannte Betglocke:

„Et liëtch än de Kirch!“:
Zuerst läutete der Pfarrer ein kleines Glöckchen, das außen an der Hauswand des Pfarrhauses gegenüber der Kirche angebracht war, jedoch bequem von innen mit einem Hebel betätigt werden konnte. Das hörte die Kirchendienerin, diese begab sich schnell in die Kirche, wo sie gleich am Südeingang mit einem langen Seil das Glöckchen oben im Dachreiter betätigte. Dies wiederum vernahm der Burghüter oben auf der Burg und nun läutete er erst jede der drei Glocken einzeln, ungefähr im Abstand von ca. 10 Minuten und danach alle drei Glocken zusammen, dann hieß es: Et liëtch zesummen! Zu diesem Zeitpunkt waren alle Kirchgänger angekommen, auch diejenigen, die weiter weg oder gar am Ende der Gemeinde wohnten. Denn sie wussten genau, ob sie beim ersten, zweiten oder dritten Läuten losgehen mussten, um pünktlich da zu sein. Sie standen dann entweder im Kirchhof Spalier oder saßen schon in der Kirche.
 Bei dem letzten, dem Zusammenläuten aller drei Glocken, kam dann der Pfarrer, meistens mit seiner Familie. Die Pfarrersfrau war auch Lehrerin und zwar eine gewissenhafte: Sie schleppte jeden Tag einen Stapel Schulhefte mit nach Hause zum Korrigieren, hatte drei Kinder und einen großen Haushalt zu führen mit Gemüse-, Blumen- und Obstgarten und schaffte es trotzdem meistens, sowohl das Sonntagsmittagessen zu kochen UND zum Gottesdienst zu erscheinen.
Wie sie das  hinkriegte, ist mir bis heute ein Rätsel.
Demzufolge konnte es schon mal vorkommen, dass sie meinem Vater zurief: „Warte noch ein wenig mit dem Läuten!“ Oder, wenn das Glöckchen am Haus schon bimmelte und die Maschinerie, neudeutsch der Countdown, bereits in Gang gesetzt war:
„Jesses, Erni, ist es denn schon so spät? Ich bin noch nicht fertig mit den Mittagsvorbereitungen und muss mich ja auch noch fertig machen!?“
So wartete mein Vater dann noch gnädig ein paar Minuten, war aber doch immer bestrebt,  den Gottesdienst pünktlich zu beginnen.
Ich sehe meine Mutter heute noch, wie sie abgemüht und abgehetzt (heute sagt man ‚gestresst‘) von der Küchenarbeit, schnell in die Sonntagsklamotten schlüpfte, mit Hut und Handschuhen, Handtasche und Gesangbuch gerüstet, losging und neben meinem Vater Schritt zu halten versuchte, während er, mit Bibel und Gesangbuch unterm Arm, in Gedanken vielleicht schon bei seiner Predigt, gemächlich und weit ausschritt.
Heute glaube ich, dass es noch viele Hausfrauen im Dorf gab, die auch erleichtert waren, wenn die Glocken nicht immer pünktlich läuteten und sie vor dem Kirchgang noch einiges im Haus erledigen konnten, ähnlich der Fra Fårrerän oder, wie man in einigen Gemeinden in Siebenbürgen sagte, Fra Muotter.

Was mir ebenfalls bis heute schleierhaft geblieben ist: Wie schaffte es meine liebe Nachbarin, bei der ich mehr als meine halbe Kindheit verbracht habe, drei konfirmierte Mädchen in Tracht anzuziehen und trotzdem auch noch selber pünktlich zum Gottesdienst zu erscheinen? Eben grad noch hatte sie uns dreien die letzten Maschen und Fruonsen angelegt, so dass wir beim dritten Läuten bequem losschlendern konnten - wir hatten es ja nicht weit - und als wir, die Gruißmaid im Gänsemarsch in die Kirche einzogen und unsere Plätze im Chor der Kirche einnahmen, saß meine Nachbarin ebenfalls schon bei den Frauen auf ihrem gewohnten Platz.

Vor dem Gottesdienst


Buch

In den 50er und frühen 60er Jahren hätten es einige gern gesehen, wenn der Pfarrer ohne seine Familie zum Gottesdienst erscheint: Der rumänische Schuldirektor hatte nämlich der Pfarrersfrau, die ja auch Lehrerin an der Staatsschule war, nahe gelegt, dass es von den Staatsorganen nicht gern gesehen werde, wenn sie und die Kinder auch zur Kirche gingen. Am besten sollten vor allem die Söhne am Sonntagvormittag anderweitig beschäftigt werden, mit Lesen oder Hausaufgaben zum Beispiel. Meine Mutter hat sich jedoch nicht davon abbringen lassen, ihren Glauben zusammen mit ihrer Familie auszuüben. Sie fragte sich aber oft, ob es nur Zufall war, dass der Schuldirektor P. wiederholt genau dann, wenn die Pfarrersfamilie auf dem Weg zur Kirche war, auf der gegenüberliegenden Hauptstraße vorbei spazieren musste?!

Das war nur die eine Seite der Medaille. Gute „Ratschläge“ gab es aber auch von der anderen Seite: Der Arbeitgeber und Vorgesetzte meines Vaters ließ ihm gegenüber einmal Ähnliches verlauten, nämlich dass es nicht gern gesehen werde, wenn die Frau des Pfarrers in der Staatsschule, also in einem kommunistisch-ideologisch geprägten Bereich Dienst tue. Mit drei Kindern und einer großen Gemeinde sei ja auch so schon genug zu tun für eine Mutter und Pfarrersfrau…

So also war damals das Leben vum Härr Fårr uch der Fra Loihrerän: Zwischen zwei (wenn auch ungleichen) Mächten! Man musste schon aufpassen, nicht zerrieben zu werden. Ich glaube, meine Eltern haben es tapfer gelebt, das Leben, nach bestem Wissen und Gewissen, ohne ihr Gesicht zu verlieren. -

(Astrid Karin Thal geb. Schneider, Oktober 2020)

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