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Den Stolzenburgern aufs Maul geschaut, mit und ohne Maske  . . .

Der Schnickeschnäoujel sul zer Huochzet gĕhn
 ĕnd kĕm gräoud zer Dĕf gerecht.

Ich freue mich jedes Mal, wenn ich die alten Bezeichnungen für die verschiedenen Gartenblumen wiederentdecke: Gliederblämen für Löwenzahn, Tausendschön(chen) für Gänseblümchen, Gärjeroisen für Pfingstrosen, Jorjoinen für Dahlien, Koiserkroin für Gladiolen (wörtlich übersetzt Kaiserkrone), Tonauten für Storchschnabel, Junge Herren für Zinnien und Loirbern (=Lorbeer) für Flieder.

Und wie heißt Thymian in Stolzenburg? Keine Ahnung. Duftet besonders im Hochsommer oben auf den trockenen Wiesen zwischen den Weinbergen, vor allem dann, wenn die Sonne am erbarmungslosesten auf die Arbeiterinnen herunterbrennt, nämlich nachmittags um Drei.

Warum Kamille allerdings Zäckwoih heißt, kann ich mir nicht erklären.  Sollte es etwas mit Zecken und Weh zu tun haben? Gab es denn bei uns daheim überhaupt Zecken?

Aber wir alle wissen sehr gut, warum die Hagebutte/Hetschepetsch bei den Stolzenburgern Gäckaursch heißt. Die rote Frucht enthält tückische Härchen, die furchtbar jucken, wenn man die ganze Frucht verzehrt.

Erinnert ihr euch noch an das Himmelsbrot? Es ist eigentlich ein Unkraut, das sich flach über den Boden hinzieht, auf kargen Wiesen und am Wegesrand. Es entwickelt aus der unscheinbaren hellen Blüte kleine grüne Knöpfchen, die man essen kann…

Eine besonders große Freude war es mir vor Kurzem, dem lang vergessenen Begriff für Sommerastern zu begegnen: Kathrenge-Blämen, wörtlich übersetzt Kathreinblumen. Was für ein schöner Name! So schön, dass man vermuten könnte, die Mädchen mit dem Taufnamen Katharina mochten ihn nicht ganz für sich allein beanspruchen und TEILTEN ihn daher untereinander auf: Denn man rief sie entweder Kathi oder Trengi, nie mit dem vollständigen Namen. Der war nur den Urkunden und Zeugnissen vorbehalten. Übrigens, Katharina war der häufigste weibliche Vorname in Stolzenburg. Das weiß ich aus unserem Heimatbuch, der sog. Stolzenburger Bibel.

Etwas googeln musste ich, bis ich wusste, warum der Marienkäfer bei uns in Stolzenburg „Härrgäout-oisken“ heißt: Er hat im deutschen Sprachraum nämlich Dutzende von Bezeichnungen: Marienkälbchen, Muttergotteskäfer, Motschekühchen, Siebenpunkt, Herrgottskäfer, Herrgottsöönken und wer glaubt es, auch Herrgottsöchslein! Was somit dem Stolzenburger Härrgäoutoisken am nächsten kommt.
Google ist doch eine feine Sache!

Und während ich nach dem Herrgottsöchslein suchte, stolperte ich über den Begriff Mutschekuh: ein Diminutiv, ein Kosename für die Kuh. Da ist es doch nicht mehr weit zu unserem sbb. sächsischen Muckeschken, in Stolzenburg Mickeschken (Kälbchen), oder?

Lange habe ich versucht, mir die Herkunft des Wortes „Hanklich“ zu erklären. Ich dachte, es hat was mit der Hand zu tun, weil man traditionell den Butter-Ei-Guss mit der Hand auf dem Teig verstreicht. Eine bessere Erklärung fand ich im Internet: Anke, Anken ist ein mittelhochdeutsches Wort für Butter (althochdeutsch: anko) und „ankelig“ bedeutet „den Buttergeschmack betreffend“. Diese Erklärung lassen wir für unser Nationalgebäck gerne gelten, oder?

Das Siebenbürger Sächsisch hat unter vielen anderen eine Eigenheit, die ich bislang noch nirgends erwähnt fand: die 1. Person Singular Präsens endet nicht wie im Deutschen auf –e (ich esse, ich trinke, ich lebe, ich bleibe) sondern auf –en: ich eißen, ich drainken, ich liëwen, ich bleiwen,  also gleichlautend dem Infinitiv. Das klingt für Außenstehende zuweilen wie Kleinkindersprache oder wie schlechtes Deutsch. Umso erstaunter war ich, als ich in einer Erzählung der Schriftstellerin Clara Viebig (1860 – 1952) in der dörflichen Mundart der Eifel „ech kennen, ech geloben, ech ersticken, ech kommen…“ antraf!
Daher ist es wohl nicht verwunderlich, dass ich hier u. a. auch den uns wohlbekannten Ausruf: Kutt nor! fand und an anderer Stelle: Komm bei mich.


Stolzenburgerisch für Anfänger

„Deutscher Sprach schweres Sprach“ sagt der Ungar. So ergeht es manch einem, wenn er mit dem Stolzenburger Sächsisch konfrontiert wird. Ich dachte immer, dass ich den Dialekt beherrsche, muss aber staunen, wie viel ich nicht weiß oder falsch ausspreche.

Seit geraumer Zeit sammele ich Wörter und Redewendungen. Alte Wörter, sächsische Wörter, lustige Wörter, deren Bedeutung sich einem ohne Hilfe oft nur schwer erschließt.

Ein Beispiel: Man sollte denken, dass „låddich“ im heutigen Sinn „ledig“ bedeutet, also nicht verheiratet, auf Neudeutsch Single. Aber dem ist nicht so. „låddich“ wird im Sinne von „leer“ verwendet. Wer den Familienstand „ledig“ meint, sagt in unserer originellen Mundart „oilätzig“, (wörtlich: einzeln). Das Einzelkind wiederum ist nicht oilätzig. In diesem Fall heißt es bedeutungsvoll: „er/sie ist Kind allein“.

Was meint man bloß mit „gurr“? Sind es die Tauben, die gurren? Nein. Das Wort wird mit „alle“ übersetzt. Wenn z. B. die ganze Großfamilie antanzt, kommt es einer Warnung gleich: “Awer, mer kun gurr!“

„gurr“ sollte aber nicht mit „guor“ (gar) verwechselt werden, denn dies bedeutet „sehr“: guor flaißig = gar fleißig. Weiterhin gibt es noch ein gleichklingendes Hauptwort „de Guorr“ (die Stute). Und wenn man seinen besonderen Dank aussprechen möchte, sagt man: „Vun Haurze gårrn“. Also Vorsicht bei der Aussprache und alle Wörter schön auseinanderhalten: gurr-guor-Guorr-gårr(e)n! Übung macht bekanntlich den Meister.

Auch „mĕr hun broit“ könnte einen Außenstehenden auf die falsche Fährte locken. Ein Tipp: „broit“ ist hier kleingeschrieben, hat somit nichts mit „Broit“ = Brot zu tun. Eher sollte man an „bereiten“ denken, aber auch damit liegt man nicht ganz richtig, denn es bedeutet einfach „wir sind fertig“. Dass “broit“ als Eigenschaftswort auch „breit“ bedeutet, versteht sich von selbst.

Auf den kleinen lautlichen Unterschied zwischen „Goiß“ (Geiß, Ziege) und „Guois“ (Gans) habe ich schon an anderer Stelle hingewiesen. Erst kürzlich habe ich wieder dazugelernt: dass man die Großmutter zwar „de Groiß“, aber die Großeltern „de Gruißåldjer“ und die Urgroßmutter „de Iwwergruiß“ (wörtlich: die Übergroß) nennt. Ich vergaß zu fragen, ob es nun die „Bållegruiß“ oder die „Bållegroiß“ ist, falls man jemanden dorthin schicken will, ähnlich der deutschen Aufforderung dorthin zu gehen, wo der Pfeffer wächst… Es gilt demnach als Schimpfwort, aber ursprünglich sollte damit die Schwiegermutter des Bruders oder der Schwester gemeint sein. Denn die „Freundschaft“, sprich die Verwandtschaft, wird in Siebenbürgen sehr weit gefasst. Immer heißt es „Mir sen fraingtch“, egal ob es sich um „den Kusin“/„det Kusinchen“ dritten Grades der Mutter oder die Tante des Schwagers des Bruders handelt. Obwohl, was ich beim nächsten Mal noch genauer erfragen muss: gehören nur die Bluts- oder auch die angeheirateten Verwandten zur „Fraingtschĕft“? Einen sehr originellen Ausdruck jüngeren Datums hörte ich neulich: „Kontramenschen“. Früher waren es die Geijeliëtch (hat nix mit Geige zu tun) Wörtlich: Gegenleute = die Eltern eines Ehepaares.

Ähnliche Bedeutungserweiterung wie „Bållegroiß/-gruiß“ erfuhren Wörter wie Schämpes und Werbes:

Ersteres ist heute ein Schimpfwort, früher bezeichnete es den Ort, wohin angeblich auch der Kaiser zu Fuß geht.

Das zweite bezeichnete ursprünglich „Füße“*, später dann etwas abfällig eine andere mitwohnende Nationalität, genauso wie die Deutschen von den Amerikanern „Krauts“ und von den Franzosen „les boches“ betitelt wurden.

Während die Sachsen sich „sas prost“ oder noch kräftigere Ausdrücke anhören mussten, soll auf einzelne Individuen der anderen Ethnie bezogen schon mal der Ausdruck „knaistig Blîăch“ gefallen sein. Dies geschah vor allem dann, wenn einen das Trauma vergangener Zeiten einholte: z. B. der Verlust nächster Verwandter in der Russland-Verschleppung sowie die Enteignung von Grund und Boden, Haus und Hof, existentielle Not also. Dass solch ein Schmerz ein Leben lang nicht weniger wird, erkennt man, wenn eine hochbetagte Frau erzählt, dass sie im Alter von neun Jahren ihren Vater am Tag seiner Deportation im Januar 1945 das letzte Mal gesehen hat. Man ist erstaunt, wie ausführlich sie die Ereignisse nach mehr als 75 Jahren schildert, jedes Detail, jedes Wort, als ob es gestern gewesen wäre.

Das Adjektiv „lang“ und das Adverb „lange“ klingen im Stolzenburger Dialekt ganz verschieden : „lăngk“  (Adjektiv): der lăngk Wëich – der lange Weg und „leong“ (Adverb): Ich hun leong gewäourt: ich habe lange gewartet. Oder: „Na, ich bän net auld, ich bän nuor leonghär“

Selbst für das Wörtchen „und“ gibt es zwei verschiedene Formen im Siebenbürgisch-Sächsischen: „ĕnd“ und „uch“! Bei Aufzählungen „Äpfel und Birnen“ nehme man „uch“. Ebenso korrekt: „Bäoufloisch uch Broit uch Zwibbel“. Wenn man aber „und dann bin ich weggerannt“  oder „und, wie geht es dir?“ sagen möchte, bediene man sich des „ĕnd“. Außerdem steht „uch“ selbstverständlich für „auch“!

Dafür haben wir keine sächsische Entsprechung für die Uhr, daher müssen wir die Stunde zu Hilfe nehmen: „de Stångtch“ = Armband-, Wand- und Turmuhr. Möglicherweise ist dieser Begriff älter als die hochdeutsche „Uhr“, denn nicht umsonst heißt es: „Wem die Stunde schlägt“!

Die Nachbars-Groisi fragte uns Kinder einmal ein Rätsel: Woi liëtch, wuon der Burchhader krĕnk äs? (Wer läutet/leidet, wenn der Burghüter krank ist?) Jedes Kind fällt erst mal drauf rein, obwohl es eigentlich weiß, dass „liëdjen“ beides bedeuten kann, leiden und läuten.

Und da ich mich auch für andere Dialekte interessiere, glaubte ich meinen Ohren kaum, als ich im Oberbairischen in Bezug auf das Läuten des Telefons jemanden sagen hörte  „Es hat gelitten“!!!

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es noch das großgeschriebene „Liëtch“ gibt, welches „Leute“ meint.

Wie sagt man auf Stolzenburgerisch zu „rückwärts“? Fahre den Wagen rückwärts raus! aurschlich. In einem anderen Dorf in Siebenbürgen möchte man sich etwas vornehmer ausdrücken, verlängert das Wort, um von der etwas vulgären Bezeichnung abzulenken und sagt: arschlonyän (ärschlings, ärschlängs).

Um es nun mit den Schwierigkeiten des Dialekts auf die Spitze zu treiben, seien hier folgende Fürwörter erwähnt, die im Sbb.-Sächsischen gleich klingen und beides bedeuten können: „ich“ und „euch“.

Für beide Wörter gibt es zwei Aussprachemöglichkeiten: ein betontes „ech“ und ein unbetontes „ich“. Dann hört man etwa Folgendes: „Ech waintschen Ich ållest Gädet!“ oder „Ich waintschen Ech ållest Gädet!“ oder gar: „Ich waintschen Ich ållest Gädet!“ Nun, gesprochene Mundart ist immer schwierig. Während „mir“ und „dir“ die betonte Form darstellen, stehen „mĕr“ und „dĕr“ für die unbetonte. Andersrum verhält es sich bei „mich, dich“ und „mech, dech“, wo letztere die Betonung übernehmen. Wer soll sich da noch auskennen? Nur wir, die Stolzenburger!

–chen und -lein machen die Wörter klein

Es wird auch nicht einfacher, wenn wir einem Begriff wie „det Kleinäntchen“ oder „det Hallmenäntchen“ begegnen. Gehen wir schrittweise vor: auch der unbedarfteste Anfänger merkt, dass hier zwei Familiennamen durchscheinen. Aber was soll das Angehängsel –äntchen? Ist es das Ännchen? Nein. Hallmenän, Kleinän ist die weibliche Form von Hallmen, Klein, so wie „die Wölfin“ von „Wolf“. Wie Ihr seht, wir Stolzenburger waren schon immer fortschrittlich und haben gegendert!

Und schließlich die Endung –chen ist das, was sie auch im Hochdeutschen ist, eine Verkleinerungs-, Verniedlichungsform wie Kind-chen, Häus-chen. Kleinäntchen oder Hallmenäntchen sind demnach die (mehr oder weniger kleinen) Mädchen der Familie Klein oder Hallmen.

Die weibliche Form plus Verkleinerung kann man daher jedem Familiennamen in Stolzenburg verleihen. Geht ganz einfach und immer den sächlichen Artikel „det“** davor: det Geddertäntchen, det Seiwerthäntchen, det Soiwertäntchen. Sogar Spitznamen wurden gerne genommen: det Mächeläntchen, det Blitzäntchen, det Tatchäntchen. Und bei einer Mischehe wird von „Blăch“ abgeleitet: „he häout en Bleichän“. Allerdings, wenn die Glückliche noch ganz jung ist, nimmt man das Eigenschaftswort „bleisch“ und hängt die Verkleinerungsform an: „ he häout en Bleischken“!

„ich bän erleicht“ (nach dem alten deutschen Wort lechen, leck werden, z. B. das Fass ist verlecht) bedeutet es „ich bin erschöpft“ oder eher „ich bin am Verdursten“? Ist wohl das Gegenteil zu „ich bin EIN Wasser“. Und falls einem vor Erschöpfung die Luft wegbleibt, sollte man sich erst mal „er-blasen“, also tief Luft holen.

Über net ze fuodder, wuot de Fraas, Poila, Bäwendämmes, Uomfrau, Wichsleinwand, nă Gemirk, palaukesch, unzäckig, eipesch, oinesch, maram, etc. etc., wäre noch nachzudenken oder gleich ein alphabetisches Verzeichnis über alle gesammelten Wörter anzulegen.

Bemerkung: Die Eigenheiten des Stolzenburger Dialekts sind hier nicht erschöpfend und schon gar nicht systematisch erfasst. Es wurden nur punktuell ein paar kuriose Beispiele herausgegriffen. Weitere werden folgen, sobald sie mir im lebendigen Gespräch begegnen oder ich darüber stolpere. Und das Sammeln macht ungeheuren Spaß. Sicherlich finden sich viele dieser Begriffe auch in anderen siebenbürgisch-sächsischen Dialekten. Wir erheben also keinen Monopolanspruch auf die genannten Wörter und Wendungen. Auch freue ich mich über jede Rückmeldung, Richtigstellung oder Anregung!

Hier mein Rätsel: Wer oder was ist Pauli vum Opel? Arbeitet einer namens Paul bei den
Opel-Werken? Nein. Eine Hilfe gebe ich euch: Fragt doch die Großscheurner!
 
*Im Sbb.-Sächsischen gibt es bekanntlich keine Bezeichnung für Bein. Fuoß steht sowohl für den Fuß als auch das Bein
**auch am Hunsrück wird im Dialekt vor die weiblichen Vornamen „das“ gesetzt: das Apollonia
 
Astrid K. Thal, 09369-761, im Oktober 2022
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