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Deportation zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion 
 
Januar 1945
 
Wenn ein Foto erzählt ...
 
Dieses Foto erhielt ich Mitte Dezember 2022 von einer gebürtigen Stolzenburgerin und es hat mich seither nicht mehr richtig losgelassen: Während ich das Knusperhäuschen für meine Enkeltöchter buk und zusammenbaute oder die Honigkeks und Sterne aus Quittengelee an den Baum hing, erschienen diese dreizehn lachenden Mädchen in festlicher Stolzenburger Sonntagstracht immer wieder vor meinem geistigen Auge. Lachend zwar, aber nicht
unbeschwert, denn das Foto entstand an Ostern 1943.
Väter, Brüder und Freunde waren – sofern nicht gefallen oder in Gefangenschaft – an der Front. Der Fotograf hat sein Handwerk offenbar verstanden, denn die Mädchen sind nach den Farben und Mustern ihrer ansprechenden Trachtenkleidung nahezu perfekt symmetrisch aufgestellt, so dass das Bild ein stimmiges, harmonisches Ganzes ergibt.
 
Jedoch ist das Besondere an diesem Foto nicht sichtbar: Elf der dreizehn Mädchen wurden im Januar 1945 in die Sowjetunion zur Zwangsarbeit deportiert. Zehn überlebten und kamen nach etlichen Jahren zurück oder wurden aufgrund ihres deutschen Namens nach Ostdeutschland geschickt. Ein Mädchen (denn mit 19 ist man schließlich noch ein Teenager) musste sein junges Leben in Russland lassen: Agnetha Seiwerth, ehem. Hs. Nr. 69, auf dem Foto 4. v. links, stehende Reihe. Die weiteren Personen sind (ich habe mir erlaubt, zur besseren Unterscheidung für die Leser ggf. auch die Beinamen zu erwähnen):
1945 Deportation zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion
Foto: Ostern 1943. Elf der Mädchen wurden im Januar 1945 zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert.
 
v. l. n. r., stehend: Katharina Renges (Tutter) verh. Schieb, Anna Staufert, Katharina Thal (Schoiner) verh. Zöllner, Agnetha Seiwerth (Tutz, gest. in Russland, s.o.), Elisabeth Siewert (Jona), Anna Hallmen (Witz) verh. Göllner, Katharina Weidenfelder (Danjel äm Eick) verh. Schneider, Anna Hallmen (Ness) verh. Welther.
Sitzend: Katharina Seiwerth (Grǝnoi) verh. Fiedler, Anna Renges (Tutter), Maria Seiwerth (Daniz), Agnetha Linder verh. Schwarz, Agnetha Seiwerth (Grǝnoi).
 
Bei all dem, was man über die menschenunwürdigen Bedingungen in den sowjetischen Arbeitslagern weiß, mag man sich gar nicht vorstellen, wie es den elf Mädchen – und all den anderen Deportierten – ergangen sein muss. Ich hoffe im Nachhinein, dass einige von ihnen in der feindlich-fremden Umgebung zusammen bleiben konnten, um sich gegenseitig Hilfe, Trost und Stütze zu sein.
 
Die hier namentlich Genannten sollen stellvertretend für fast 120 Stolzenburger Frauen und Mädchen stehen, die im Januar 1945 in russische Arbeitslager deportiert wurden. 14 von ihnen verloren im Kampf gegen Hunger, Kälte und Krankheiten ihr Leben. Ihre Namen stehen alle in unserem Heimatbuch auf S. 160. Sie sollen nicht vergessen werden. Wir wollen ihnen ein ehrendes Andenken bewahren.
 
Die Gruppe der männlichen Stolzenburger Deportierten setzte sich v. a. aus sehr jungen Burschen – einige waren gerade mal 16 – und älteren Männern zusammen. Andere wiederum waren gerade von der Front zurückgekehrt und wurden nun noch einmal in die Fremde geschickt. Auch ihrer sei hier gedacht. Ihr Martyrium und ihr Opfer werden unvergessen bleiben.
 
Auch als Nachgeborene erschüttert und ängstigt mich der Gedanke an diese schreckliche Zeit, über die die Überlebenden in den meisten Fällen gar nicht sprechen wollten/konnten. Gleichzeitig gedenke ich auch der daheimgebliebenen Familienangehörigen, die hilflos zusehen mussten, wie ihre Liebsten mit ungewissem Ziel und noch ungewisserem Schicksal weggeführt wurden wie die Lämmer zur Schlachtbank. Auch dieser tapferen Menschen, die, enteignet und aus ihren Häusern vertrieben, für die unmündigen Kinder und Waisen zu  sorgen hatten, sei hier in Dankbarkeit und mit gebührender Wertschätzung gedacht.
 
Da es im Heimatbuch außer der Liste der in Russland Verstorbenen keine Übersicht über die deportierten Männer gibt, ist es mein Bestreben, mit der Hilfe aller, eine solche zu erstellen. Ich freue mich über jede konkrete Meldung mit Namen, Vornamen, alter Hausnummer, Geburtsdatum und ggf. Rückkehr- bzw. Todesdatum.
 
Man kann die Namen der Stolzenburger Opfer von Krieg und Vertreibung in Michael Hihns Monographie „Die Gemeinde Stolzenburg in Siebenbürgen. Aus Urkunden, Chroniken und anderen Schriften“ nachlesen. Das Foto befindet sich übrigens auf S. 405.
Das Buch ist nach wie vor erhältlich bei Michael Theuerkauf, Förderverein Stolzenburg e. V., Tel.-Nr. 0561-887592.
 
Für das neue Jahr 2023 wünsche ich allen Gesundheit, Gottes Segen und Frieden in Europa und der Welt.
 
Astrid K. Thal, 4. Januar 2023
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